Sie ziehen morgens den Vorhang auf, und das Meer ist weg. Statt blauem Himmel hängt ein gelblich-grauer Schleier über der Bucht, die Nachbarinsel ist verschwunden, auf dem Balkontisch liegt feiner, rötlicher Staub. Das ist Calima. Wer zum ersten Mal auf den Kanaren ist, hält die Wetterlage oft für Nebel oder Smog – und fragt sich, ob der Ausflug, die Wanderung oder gar der Rückflug jetzt ausfallen. Die Antworten fallen je nach Stärke des Staubs sehr unterschiedlich aus.
Woher der Staub kommt
Fuerteventura liegt nur rund 100 Kilometer vor der afrikanischen Küste. Normalerweise hält der Nordostpassat die Wüstenluft fern: Er bringt kühle, feuchte Atlantikluft auf die Inseln. Dreht der Wind auf Ost oder Südost, bricht dieser Schutz weg. Dann strömt trockene Luft aus der Sahara herüber und trägt Mineralstaub mit sich, den Stürme über der Wüste aufgewirbelt haben.
Die Folgen spüren Sie sofort. Die Luftfeuchtigkeit fällt stark, die Temperatur steigt, die Sicht schrumpft von vielen Dutzend Kilometern auf wenige. An schwachen Tagen wirkt der Himmel nur milchig. An starken sieht man die Sonne als blasse Scheibe.
Winter-Calima und Sommer-Calima sind zwei verschiedene Dinge
Das überrascht viele: Die staubigsten Tage fallen häufig in die Wintermonate, also in die Hauptreisezeit deutscher Urlauber. Im Winter wird der Staub in den unteren Luftschichten transportiert und erreicht Küsten, Strände und Hotelzonen direkt. Die Luft ist dann trüb, aber meist nur mäßig warm.
Im Sommer liegt die Staubschicht dagegen oft höher, oberhalb der kühlen Passatluft an der Küste. Unten am Meer merken Sie davon manchmal wenig. Oben wird es heiß. In den Bergen, im Teide-Nationalpark oder im Inselinneren von Gran Canaria klettern die Temperaturen an solchen Tagen weit über das Übliche, und die Luft ist extrem trocken. Für Wanderer ist die sommerliche Variante deshalb die unangenehmere, für Strandurlauber die winterliche.
Auftreten kann Calima in jedem Monat. Wie sich das in das übrige Wetterjahr einfügt, steht im Überblick zur besten Reisezeit für die Kanaren.
Welche Inseln es stärker trifft
Der Staub kommt von Osten, und die Reihenfolge der Inseln entspricht grob der Belastung. Lanzarote und Fuerteventura liegen der Wüste am nächsten, sind flach und haben keine Berge, die etwas abhalten könnten. Gran Canaria und Teneriffa folgen. La Palma und El Hierro ganz im Westen bekommen bei vielen Episoden weniger ab oder werden später erreicht.
Eine Garantie ist das nicht. Bei kräftigen Lagen hüllt der Staub den gesamten Archipel ein. Auf den hohen Inseln lohnt trotzdem ein Blick auf die Karte: Im Winter kann es in großer Höhe, etwa im Teide-Nationalpark, klarer sein als an der Küste, im Sommer ist es oft umgekehrt. Wer auf Teneriffa wohnt, hat mit Nord- und Südküste zudem zwei Wetterseiten zur Auswahl – mehr dazu im Vergleich Teneriffa: Norden oder Süden.
Wie lange das dauert
Meist nur wenige Tage. Sobald der Passat zurückkehrt, klart es innerhalb weniger Stunden auf, und die Inseln sehen wieder aus wie im Prospekt. Längere Phasen von einer Woche kommen vor, sind aber selten. Folgt auf den Staub Regen, wäscht er ihn als bräunlichen Schlamm aus der Luft; auf Autos und Terrassen bleiben dann rötliche Flecken zurück.
Was Calima für Ihre Urlaubspläne bedeutet
Strand und Pool
Bei leichtem Staub spricht nichts gegen einen Tag am Wasser. Die Sonne brennt übrigens auch durch den Schleier, Sonnenschutz brauchen Sie weiterhin. Bei starkem Staub wird es draußen schlicht ungemütlich: Die Augen brennen, der Hals kratzt, alles fühlt sich sandig an.
Wandern und Sport
Verschieben Sie anstrengende Touren. Die Behörden der Kanaren raten bei Calima-Warnungen ausdrücklich davon ab, sich im Freien körperlich zu verausgaben. Dazu kommt die Hitze in den Bergen und – vor allem im Sommer – die Waldbrandgefahr: Trockene, heiße Luft und Wind lassen sie sprunghaft steigen, und die Inselverwaltungen sperren dann Wanderwege, Grillplätze und manchmal ganze Waldgebiete. Eine Sperrung gilt auch dann, wenn am Einstieg niemand steht.
Ausflüge und Aussichtspunkte
Fahren können Sie fast immer, nur sehen Sie weniger. Ein Mirador ohne Fernsicht ist eine Enttäuschung, ebenso eine Bootstour oder der Blick vom Teide. Tauschen Sie solche Programmpunkte gegen Dinge, die keinen Horizont brauchen: eine Altstadt wie La Laguna, ein Museum, eine Bodega, einen Markt. Für einen Tagesausflug nach La Gomera gilt dasselbe – der Lorbeerwald funktioniert auch im Dunst, die Panoramastraßen weniger.
Mietwagen
Bei dichtem Staub sinkt die Sicht auf der Autobahn spürbar. Fahren Sie mit Licht und mehr Abstand, und stellen Sie die Lüftung auf Umluft. Der feine Staub setzt sich auf dem Lack ab; wischen Sie ihn nicht trocken von der Scheibe, er kratzt.
Flüge
In aller Regel wird normal geflogen. Dass es anders kommen kann, zeigte der Februar 2020: Mitten im Karneval war der Staub so dicht, dass die Flughäfen der Kanaren vorübergehend den Betrieb einstellten und Tausende Reisende festsaßen. Solche Tage sind die Ausnahme. Fällt Ihr Abflug in eine starke Calima-Lage, prüfen Sie den Flugstatus, bevor Sie zum Flughafen fahren, und halten Sie die Kontaktdaten Ihrer Airline oder Ihres Reiseveranstalters bereit.
Staub in der Luft: wer vorsichtiger sein sollte
Calima ist Feinstaub. Gemessen wird er als PM10, und an starken Tagen liegen die Werte auf den Inseln um ein Vielfaches über dem, was die Weltgesundheitsorganisation als Tagesrichtwert empfiehlt. Gesunde Erwachsene merken davon meist nur gereizte Augen und einen trockenen Hals.
Anders sieht es für Menschen mit Atemwegs- oder Herzerkrankungen, für ältere Reisende und für kleine Kinder aus. An sie richten sich die offiziellen Empfehlungen zuerst: drinnen bleiben, Fenster und Türen schließen, viel trinken, Anstrengung meiden. Wenn Sie zu einer dieser Gruppen gehören, besprechen Sie vor der Reise mit Ihrem Arzt, wie Sie sich an solchen Tagen verhalten. Auf den Kanaren gilt wie überall in der EU der Notruf 112.
Wo Sie aktuelle Warnungen finden
- Der spanische Wetterdienst AEMET gibt Warnungen für „polvo en suspensión“ (Schwebstaub) heraus, abgestuft in Gelb, Orange und Rot.
- Die Regierung der Kanaren ruft bei Bedarf eine Vorwarnstufe oder einen Alarm wegen Calima aus und veröffentlicht dazu Verhaltenshinweise. Lokale Medien und Hotels geben das weiter.
- An der Rezeption weiß man meist als Erstes, ob Wege gesperrt oder Ausflüge abgesagt sind. Fragen kostet nichts.
- Staubvorhersagen für mehrere Tage liefert das Sand- und Staubsturm-Warnsystem der Weltorganisation für Meteorologie, dessen Regionalzentrum für Nordafrika und Europa in Barcelona sitzt.
Häufige Fragen
Kann ich wegen Calima kostenlos stornieren?
Ein paar trübe Tage gelten als gewöhnliches Wetterrisiko und begründen keinen Anspruch. Anders kann es aussehen, wenn Flüge gestrichen werden oder ein Reiseveranstalter Leistungen nicht erbringt. Maßgeblich sind dann Ihre Buchungsbedingungen und die Auskunft von Airline oder Veranstalter.
Lässt sich Calima bei der Reiseplanung vermeiden?
Nein. Die Wetterlage ist nur wenige Tage im Voraus absehbar und kommt in jedem Monat vor. Sie können das Risiko allenfalls verkleinern, indem Sie eine der westlichen Inseln wählen, und Ihr Programm so bauen, dass sich Tage tauschen lassen.
Ist Calima dasselbe wie die Wolkendecke im Norden?
Das Gegenteil. Die Wolken an den Nordküsten bringt der feuchte Passat; sie sind grau, kühl und oft schon mittags wieder weg. Calima kommt aus der Wüste, ist trocken, warm und färbt den Himmel gelblich bis bräunlich.
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Quellen
- Agencia Estatal de Meteorología (AEMET), Instituto de Meteorologia de Portugal: Atlas climático de los archipiélagos de Canarias, Madeira y Azores. Temperatura del aire y precipitación (1971–2000). 2012.
- World Health Organization: WHO global air quality guidelines. Particulate matter (PM2.5 and PM10), ozone, nitrogen dioxide, sulfur dioxide and carbon monoxide. Genf, 2021.
- World Meteorological Organization: Sand and Dust Storm Warning Advisory and Assessment System (SDS-WAS), Regional Center for Northern Africa, Middle East and Europe.
- Auswärtiges Amt: Spanien – Reise- und Sicherheitshinweise.